Gebet zu Judika 2025

von Christian Lehnert

Seht, welch ein Mensch! 
Im Purpurgewand mit der Dornenkrone, 
blutig geschlagen, 
taumelnd, 
allein vor der schreienden Menge. 
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

Seht, welch ein Mensch! 
Der Kopf zuckt hin und her, 
und er duckt sich, 
während die Drohnen nahen, 
und er schreit und schießt, schreit in den Wind, 
in den Lärm der Geschütze, 
wo er nichts mehr von sich weiß. 
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

Seht, welch ein Mensch! 
Die Greisin, 
leicht wie ein Vogel, 
Haut und Knochen nur noch, 
als würde sie gleich ein Luftzug erfassen, 
schaut sie auf und lächelt noch einmal, 
lächelt ins Leere.  
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

Seht, welch ein Mensch! 
Ohne etwas zu denken, hastet sie vorwärts, 
ohne zu wissen, wohin,
missbraucht, 
misshandelt auf der Flucht 
zwischen den Fronten im Sudan. 
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

Seht, welch ein Mensch! 
Im Innern seines Atems arbeitet die Maschine, 
leuchtende Kurven 
auf dem Monitor,
die Schläfen pulsen,  
und niemand weiß, was in ihm geschieht. 
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

Seht, welch ein Mensch! 
Still in der Kirchenbank, 
atmet er tief, 
sehnt sich nach dir, Gott, und die Luft strömt ein, 
und er atmet ein und aus,
sucht deine Nähe. 
Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  

In der Stille bringen wir die Menschen, 
an die wir denken,
ihre Namen und Gesichter, vor dich:  

(Stille)

Menschgewordener Gott, 
erbarme dich unser.  
Du, 
der du unsere Wahrheit bezeugst, 
dich preisen wir. 
Amen.